| Motorisierung ist
tödlich |
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Knapp eine Million Menschen sterben jedes Jahr auf den Straßen der Welt. 90 Prozent dieser Toten werden von 35 Prozent der Kraftfahrzeuge produziert, und zwar in der Dritten Welt. Weltbank wie Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnen: Die globale Zahl der Verkehrstoten steigt rapide - um fast drei Prozent jährlich. Und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Gesamtzahl der ausgelöschten Leben durch Motorfahrzeuge wird 2030 doppelt so hoch sein wie heute. Zwischen 70 und 90 Millionen. Die Luftverschmutzung ist dabei noch gar nicht mitgezählt: Das Auto ist eine Massenvernichtungswaffe. Unaufhaltsam scheinen dabei alle Länder der Erde den Weg der Motorisierung analog dem westlichen zu gehen. Doch wie sieht dieser Weg aus? Ende der 40er Jahre entwickelte ein Forscher die Weltformel des Unfalltodes, die sich bald darauf bestätigte (Smeed's Law). Kern dieses Gesetzes: Durch Wirtschaftswachstum nimmt die Motorisierung und die Zahl der Verkehrstoten zu, um an einem bestimmten Punkt des erreichten Pro-Kopf-Einkommens zu sinken und sich auf relativ hohem Niveau einzupendeln. Grund: Die Zahl der am meisten gefährdeten Fußgänger und Zweiradfahrer nimmt ab, die der Autofahrer immer mehr zu, und diese werden gleichzeitig immer besser geschützt. Zudem wird die Unfallmedizin schnell und intensiv. Wenig beachtet wurde dabei bisher die von Frank-Markus Schmidt in seinem Buch "Eingebaute Vorfahrt" entdeckte simple Tatsache, dass je höher die Fahrzeugdichte, umso geringer das Durchschnittstempo ist (in der Innenstadt Frankfurts 17 Stundenkilometer). Ein langsames Auto tötet aber weniger als ein schnelles. Dieser Zustand ist in den Städten Europas längst, in den Megastädten Asiens und Lateinamerikas seit kurzem erreicht. Da dies für die ländlichen Bezirke der Dritten Welt nicht gilt, steigen die Totenzahlen dort weiter. Verkehrsforscher wie der indische Professor Dinesh Mohan wehren sich jedoch gegen die Arroganz des Westens, der sie erst mit Motorfahrzeugen und nun mit Verkehrserziehung kolonialisiert. Denn diese nützt nichts, wo es Millionen Fußgänger, Zweiradfahrer, Hand- und Ochsenkarren gibt. Gegen das Auto haben sie schlicht keine Chance. Und so sind knapp 90 Prozent der offiziell 90 000 Straßenverkehrstoten in Indien keine Kraftfahrer, sondern deren Opfer. Relativ gesehen ist die Sorge des Westens sowieso pure Heuchelei. Denn obwohl in Indien 40 Prozent der Menschen Kinder sind, die sich viel auf der Straße aufhalten, und obwohl in den hochmotorisierten Ländern Kinder in Wohnungen oder Autos gehalten bzw. nicht ohne Erwachsenen auf die Straße gelassen werden, ist die Todesrate der 4- bis 15-Jährigen in England doppelt so hoch wie in Indien, die Kinder-Verletzungsrate in Deutschland Weltspitze. Gleichwohl fragt sich, wie lange die absoluten Todeszahlen in der Dritten Welt noch steigen. Eine neue Studie von Elisabeth Kopits und Maureen Cropper hat Smeeds Modell weiterentwickelt und per Computer durchrechnen lassen. Ergebnis: Der Gipfelpunkt liegt etwa bei 8600 Dollar Jahreseinkommen pro Kopf. Indien wird diesen Punkt frühesten 2042, Brasilien erst 2050 erreichen. Kommt es zu Krisen, dauert es länger. Ist der globale Kapitalismus überhaupt unfähig, den Wohlstand des Großteils der Menschheit bis zu diesem Punkt voranzutreiben, bleibt die Zahl der Opfer gigantisch hoch. Zwischen 1,5 (Weltbank) und 3,5 Millionen Toten (UPI Heidelberg) im Jahr 2030. Die traurige Wahrheit dürfte in der Mitte liegen. Sollte aber die Welt jemals die Autodichte und Todesrate der USA erreichen, ist nicht viel gewonnen. Denn abgesehen von Umweltzerstörung, Lärm, Flächenverbrauch und Hunger qua zubetonierter landwirtschaftlicher Flächen wird es immer noch über eine Million Tote jährlich geben. Alle Vision-Zero-Bemühungen werden dann Makulatur sein, sie schützen allenfalls Autofahrer. Den Rest der Menschheit nicht. Fazit: Will man keine oder fast keine Verkehrstoten, muss man Fußgänger und Radfahrer abschaffen oder das Auto. Jeder sollte sich fragen, was vernünftiger wäre. Copyright © Frankfurter Rundschau 2003 |
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